Wenn eine Frage sich anfühlt wie ein Urteil

Auf Gipfeln und durch Täler - Ausgabe 9

Was passiert, wenn eine kritische Frage sich nicht wie eine Sachfrage anfühlt, sondern wie ein Urteil?

In diesem Artikel geht es um den Moment, in dem aus „Vielleicht liege ich falsch” leise „Vielleicht bin ich nicht so viel wert” wird und um die blinde Stelle, an der man der eigenen Wahrnehmung weniger zutraut als der von anderen.

Außerdem: warum zwischen „Ich müsste eigentlich etwas verändern” und „Ich gehe jetzt los” manchmal ein ziemlich großer Berg liegt, und was das mit der Angst zu tun haben könnte, dass die eigene Kompetenz sichtbar und angreifbar wird, sobald man wirklich losgeht.

Der Moment, in dem ich kleiner werde

Oberndorfer Wald
Oberndorfer Wald

Jemand stellt eine kritische Frage. Ganz sachlich, vielleicht sogar freundlich gemeint.

In mir passiert etwas, das mit der Frage selbst kaum noch etwas zu tun hat.

Ich werde kleiner.

Ich spüre ein Ziehen und der Gedanke kommt auf: „Moment, war das falsch, was ich gesagt habe?” und direkt danach, viel leiser, aber viel wirksamer: „Bin ich überhaupt gut genug für das hier?”

In letzter Zeit bleibe ich an dem Punkt hängen, was die Frage in mir auslöst.

Zwei Sätze, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben

„Vielleicht liege ich falsch” ist ein Satz, mit dem ich gut leben kann. Er ist sachlich und lässt mir die Möglichkeit, etwas zu prüfen und ggf. zu korrigieren. Oder weiterzudenken.

Aber das ist selten der Satz, der als Erstes auftaucht. Der erste Satz ist ein anderer: „Vielleicht bin ich doch nicht so kompetent, wie ich dachte.” Wenn ich nicht aufpasse, geht es noch weiter: „Vielleicht bin ich nicht wertvoll.”

Das sind Sätze, die sich anfühlen, als würden sie aufeinander aufbauen. Als wäre der eine die logische Folge des anderen.

Sind sie aber nicht.

Kompetenz ist eine Frage von Wissen, Erfahrung und Urteilsvermögen. Das sind alles Dinge, die man erwerben kann.

Wert ist etwas anderes. Wert hängt nicht davon ab, ob eine Einschätzung heute richtig oder falsch war.

Ich weiß das. Trotzdem verbindet sich in mir beides, kaum dass jemand meine Einschätzung infrage stellt.

Woher ich das kenne

Vor Kurzem habe ich über eine Person nachgedacht. Über eine Stelle, an der sie etwas nicht sehen will oder tatsächlich nicht sieht, das lässt sich von außen schwer trennen. Mir war es so klar. So offensichtlich, dass ich fast ungeduldig wurde: Wie kann man das nicht bemerken?

Dann kam der Gedanke, der unangenehmer war als alles davor: Wo ist meine eigene blinde Stelle?

Nicht im Sinne von Verdrängung. Eher so: Es gibt bei mir offenbar einen Ort, an dem ich meiner eigenen Wahrnehmung nicht vollständig traue. An dem eine fremde Einschätzung schneller Gewicht bekommt als meine eigene. Nicht weil die andere Person es besser begründet, sondern einfach weil sie von außen kommt.

Das ist die blinde Stelle. Ich sehe es eigentlich. Ich vertraue nur nicht immer darauf, dass meine Wahrnehmung richtig ist.

Warum die Einschätzung eines anderen manchmal schwerer wiegt

Ich habe mir die Frage gestellt, warum das so ist.

Eine einfache Antwort habe ich nicht gefunden, aber eine Beobachtung: Es fällt mir leichter, an mir selbst zu zweifeln, als an jemand anderem zu zweifeln.

Der Zweifel an mir kostet nichts nach außen. Kein Konflikt, keine Konfrontation und kein Risiko, dass jemand widerspricht. Ich ziehe mich einfach ein Stück zurück, gebe der anderen Person recht – zumindest innerlich – und die Situation ist erledigt.

Nur: Erledigt ist sie nicht. Sie ist nur nicht mehr sichtbar.

Prüfen, ohne mich selbst mit auf den Prüfstand zu stellen

Es gibt einen Unterschied zwischen zwei Fragen, die sich sehr ähnlich anhören:

„Was ist an dieser Kritik dran?”

„Was stimmt nicht mit mir, wenn diese Kritik kommt?”

Die erste Frage lässt sich beantworten. Ich kann ein Argument prüfen, eine Annahme hinterfragen, einen Fehler finden – oder eben auch feststellen, dass meine ursprüngliche Einschätzung stimmt.

Die zweite Frage lässt sich nicht beantworten. Sie führt nur tiefer in dieselbe Richtung, aus der ich eigentlich herauswollte.

Ich merke, dass mir beide Fragen fast gleichzeitig durch den Kopf gehen, sobald jemand meine Kompetenz anzweifelt. Meistens ist es die zweite Frage, die am Ende die erste überlagert.

Was sich für mich gerade verändert, ist der Versuch, die Person und die Sache zu trennen. Die Wahrnehmung des anderen ernst zu nehmen. Anschließend für mich zu entscheiden, was ich davon übernehme und was nicht.

Die Entscheidung bleibt bei mir. Das ist neu für mich, das so klar zu sagen.

Der Berg zwischen Erkennen und Losgehen

Es gibt einen Satz, den ich mir öfter sage, als mir lieb ist: „Ich müsste eigentlich etwas verändern.”

Dann gibt es einen zweiten Satz, der viel seltener kommt: „Ich gehe jetzt los.”

Zwischen diesen beiden liegt bei mir manchmal ein ziemlich großer Berg. Ich habe angefangen zu fragen, woraus dieser Berg eigentlich besteht.

Solange etwas nur ein Gedanke ist, kann ich ihn drehen und wenden, ohne dass jemand etwas davon mitbekommt. Ich kann abwägen, mich vorbereiten, mir noch eine weitere Meinung einholen. Nichts davon ist sichtbar.

Sobald ich losgehe, ändert sich das. Ich treffe eine Entscheidung. Ich veröffentliche etwas. Ich sage, wofür ich stehe. Darauf können andere Menschen reagieren. Sie haben Fragen oder Kritik. Sie reagieren vielleicht mit Unverständnis. Manchmal weiß ich weiß nicht immer sofort, was ich darauf antworten soll.

Ich frage mich, ob ein Teil des Berges genau das ist: Losgehen macht meine Einschätzung angreifbar. 

Was ich mir gerade zugestehe

Ich muss nicht vollständig sicher sein, um loszugehen.

Ich muss nicht alles wissen.

Ich muss nicht auf jede kritische Frage sofort eine passende Antwort haben.

Ich darf etwas ausprobieren und merken, dass es nicht funktioniert. Ich darf meine Meinung ändern, wenn ich etwas Neues verstehe. Ich darf lernen und zwar auch dann, wenn das Lernen sichtbar passiert, vor anderen Menschen, mitten im Tun.

Dabei darf ich trotzdem kompetent sein. Weil Kompetenz auch bedeutet nicht unfehlbar zu sein.

Ein Gedanke, der noch nicht fertig ist

Ich kann einer Person begegnen, die meine Kompetenz infrage stellt, ohne daraus abzuleiten, dass diese Person recht hat. Das klingt selbstverständlich, wenn ich es so hinschreibe. Gelebt fühlt es sich anders an.

Vielleicht beginnt Vertrauen in die eigene Kompetenz nicht damit, dass ich weiß, dass ich recht habe. Sondern damit, dass ich weiß: Auch wenn ich mich irre, verliere ich mich nicht selbst.

Ich bin bei diesem Gedanken noch nicht am Ende. Ich merke nur, dass er mich gerade begleitet – wenn eine Frage kommt, die sich anfühlt wie ein Urteil, und ich einen Moment brauche, um zu unterscheiden: Geht es hier um eine Sache. Oder ist es wieder dieser alte Automatismus, der aus Zweifel an einer Einschätzung Zweifel an mir selbst macht.

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