Die Katze, die nicht meine war

Auf Gipfeln und durch Täler - Ausgabe 8

Kennst du diesen Moment, in dem die Sorgen anderer plötzlich zu deinen eigenen werden?

Mir ist das neulich begegnet – bei einer Wohnung und einer Katze.

Eine Geschichte bei der ich mich gefragt habe:

Wo hört das, was bei anderen passiert, auf und wo fange ich an?

Genau darüber habe ich nachgedacht.

Ein Reflex, bevor ich nachgedacht habe

Katze

Meine Schwester hat mich gefragt, ob ich ihre Katze nehmen würde. Sie hat eine Wohnung gefunden, die ihr gefällt. Katzen sind dort nicht erlaubt. Ich habe gesagt, dass wir gerne in Ruhe darüber sprechen können.

Ihre Antwort kam schnell: „Ich muss der Wohnung aber morgen zu- oder absagen.”

In diesem Moment ist etwas in mir passiert, bevor ich überhaupt nachgedacht habe. Ein Ruck im Bauch. Die Schultern ein Stück nach vorne. Ein Reflex, der schneller war als jeder Gedanke: jetzt muss ich mich beeilen.

 

Ich kenne diesen Reflex gut. Meistens merke ich ihn erst, wenn er schon dabei ist, eine Entscheidung zu treffen, für die ich mir eigentlich Zeit nehmen wollte. Er meldet sich nicht laut. Er kommt eher wie eine stille Selbstverständlichkeit – als wäre es völlig normal, jetzt sofort reagieren zu müssen, nur weil jemand anderes eine Frist hat.

Diesmal habe ich ihn früh genug bemerkt, um kurz stehenzubleiben.

Dabei war es nie meine Entscheidung, die Wohnung anzunehmen. Es war ihre. Ihre Abwägung, ihre Lebenssituation, ihr Timing. Trotzdem stand ich für einen Moment da, als würde meine Antwort darüber bestimmen, ob sie morgen unterschreibt oder nicht. Als läge der Druck bei mir.

Das ist der Punkt, an dem ich genauer hinschauen wollte. Nicht die Katze. Nicht die Wohnung. Sondern dieser kleine, fast unsichtbare Moment, in dem eine fremde Entscheidung anfängt, sich wie meine eigene anzufühlen.

Wie aus ihrer Deadline meine wurde

Wie schnell aus „Ich entscheide, was für mich stimmt” ein „Ich muss jetzt entscheiden, damit die andere Person weitermachen kann” wird – das war die eigentliche Beobachtung dieses Tages.

Meine Schwester hat nichts falsch gemacht. Sie hat eine reale Deadline. Das darf sie so kommunizieren. Ein Vermieter wartet nicht, nur weil ich mir Bedenkzeit wünsche. Das macht sie nicht manipulativ, und es wäre unfair, ihr das zu unterstellen.

Die Frage ist, was ich aus der Situation mache.

Ob ich den Zeitdruck von ihrer Entscheidung übernehme, obwohl er dort gar nicht entstanden ist, sondern erst in meinem Kopf. Ob ich anfange, in ihrem Tempo zu denken, weil ihre Uhr tickt – obwohl meine eigene Entscheidung ein anderes Tempo verdient hätte.

Früher hätte ich vermutlich schnell reagiert. Aus einem Gefühl heraus, verantwortlich zu sein für etwas, das gar nicht in meiner Verantwortung liegt. Ich hätte mir wahrscheinlich gedacht: Sie braucht doch eine Antwort, ich kann sie jetzt nicht hängen lassen. Dabei hätte ich übersehen, dass „eine Antwort geben” und „sofort eine Antwort geben” zwei verschiedene Dinge sind.

Diesmal habe ich mir die Zeit genommen, kurz innezuhalten und mir drei Fragen zu stellen.

Diese Fragen habe ich mir gestellt

Was ist ihre Entscheidung?

Ob sie die Wohnung nimmt. Mit allem, was dazugehört – Lage, Miete, Timing, ihre eigene Lebensplanung. Das ist ihr Leben, ihre Abwägung. Nichts davon verändert sich dadurch, wann ich mich zur Katze äußere.

Was ist meine Entscheidung?

Ob ich eine Katze aufnehmen möchte. Mit allem, was das für meinen Alltag bedeutet – Zeit, Verantwortung, eine Veränderung, die ich nicht einfach so wieder rückgängig machen kann. Nicht in den nächsten zwölf Stunden, sondern in dem Tempo, das ich brauche, um eine gute Entscheidung zu treffen.

Und wo fange ich an, beides zu vermischen?

Genau da, wo ich anfange, ihr Tempo für mein eigenes zu halten. Wo aus zwei getrennten Entscheidungen eine einzige wird – meine, aber mit ihrer Uhrzeit.

Sobald ich die drei Fragen getrennt beantwortet hatte, war der Druck nicht mehr so groß. Weil ich klar sehen konnte was zu wem gehört.

Was daraus bleibt

Nicht jede Entscheidung, die wegen mir getroffen wird, ist automatisch meine Entscheidung. 

Ich darf mir Zeit nehmen, auch wenn jemand anderes seine eigene Entscheidung davon abhängig machen möchte.

Das eine hat mit dem anderen erstmal nichts zu tun. Es fühlt sich nur so an, als hätte es das.

Genau um diesen Unterschied geht es auch in meiner Masterclass „Muss das wirklich dazugehören?”

In 60 Minuten schauen wir gemeinsam hin, welche Muster, Erwartungen und übernommenen Verantwortungen sich über die Jahre angesammelt haben und was davon wirklich zu dir gehört.

Wenn dich diese Frage gerade beschäftigt, bist du herzlich eingeladen. 

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Ich weiß noch nicht, ob ich die Katze nehme. Und das ist gerade okay so.

Wo in deinem Leben hast du zuletzt etwas übernommen, das eigentlich gar nicht deins war?

Masterclass

Gedanken, die bleiben

Ich schreibe hier über die Sätze, die mir nach einem Gespräch noch tagelang nachhängen. Über die Grenze, die ich erst gezogen habe, als es fast zu spät war. Über die Frage, wessen Erwartung ich da eigentlich gerade erfülle.

Manchmal ist es eine kurze Beobachtung. Manchmal eine ganze Geschichte und manchmal ein Gedanke, der etwas in Bewegung bringt.

Solche Gedanken teile ich auch regelmäßig in meinem Newsletter – persönlich, ehrlich und mit Impulsen zum Innehalten.

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