Auf Gipfeln und durch Täler - Ausgabe 10
Warum bilden wir uns dabei so schnell ein Urteil?
Wir urteilen oft in Sekunden über andere Menschen – über ihr Verhalten, ihren Charakter und ihre Absichten. In diesem Beitrag geht es darum, wie schnell aus einer Beobachtung eine Geschichte wird und was das eigentlich mit uns selbst zu tun hat.
Wie schnell wir urteilen
Ich kenne das von mir selbst.
Ich urteile vor allem dann, wenn mich jemand mit seinem Verhalten ärgert, wenn ich etwas überhaupt nicht nachvollziehen kann oder wenn ich einen Menschen noch gar nicht richtig kenne.
Dann passiert es schnell, dass aus einer Beobachtung eine Geschichte wird.
Mir kommen folgende Fragen und Gedanken in den Sinn: „Warum macht der das?”, „Wie kann man nur so sein?” und „Der ist halt so.”
Nur: Woher weiß ich das eigentlich?
Wir sehen ein Verhalten und machen daraus eine Erklärung. Ich sehe, was jemand tut und meistens weiß ich nicht, warum er es tut.
Ein Stück Plastik am Wegrand
Vor kurzem ist mir das bei einer Wanderung aufgefallen.
Auf dem Weg lag ein Stück Plastik. Mein erster Gedanke war sofort: „Ach, die Leute. Die schmeißen ihren Müll einfach in die Gegend.”
Dann kam der Einwand: „Es kann auch einfach sein, dass es jemand verloren hat.”
Stimmt. Vielleicht ist es aus einer Tasche oder dem Rucksack gefallen, vielleicht hat es der Wind einfach weggeweht. Ich weiß es schlicht nicht.
Trotzdem hatte ich in meinem Kopf innerhalb von zwei Sekunden einen Menschen dazu erfunden, der seinen Müll absichtlich auf dem Weg liegen lässt.
Genau das meine ich. Wir sehen etwas, und unser Kopf liefert ziemlich schnell eine Erklärung dazu.
Über jemanden reden ist nicht automatisch lästern
Natürlich reden wir über andere Menschen. Grundsätzlich finde ich das auch überhaupt nicht schlecht. Manchmal tauschen wir uns aus, weil wir eine Situation einordnen wollen. Wir fragen jemanden: „Wie hast du das eigentlich wahrgenommen?” Manchmal wollen wir überprüfen, ob unsere eigene Wahrnehmung stimmt. Wir suchen Orientierung. Manchmal erzählen wir etwas, weil uns ein Mensch oder eine Situation beschäftigt.
Auch die Forschung sieht solche Gespräche nicht nur negativ. Gespräche über andere können dabei helfen, Informationen zu bekommen, soziale Situationen einzuordnen, die eigene Wahrnehmung zu überprüfen und Beziehungen zu anderen Menschen zu pflegen.
Der Unterschied liegt für mich deshalb zwischen über jemanden reden und lästern. Lästern bedeutet für mich, einen Menschen auseinanderzunehmen und sich gemeinsam über ihn zu erheben. Aber ich kann über jemanden auch positiv sprechen, mich über eine Begegnung austauschen oder einen anderen Menschen sogar als Spiegel für mich selbst nutzen.
Trotzdem merke ich bei mir immer wieder, wie schnell ich mir ein Bild mache.
Wir kennen die Geschichte dahinter nicht
Dazu passt eine andere Erkenntnis aus der Psychologie: Wir neigen dazu, das Verhalten anderer eher mit deren Persönlichkeit oder Charakter zu erklären und den Einfluss der jeweiligen Situation zu unterschätzen.
Nicht immer. Aber oft genug.
Ein Beispiel dafür habe ich beim Bouldern erlebt. Da war ein Mann, den ich zunächst als ziemlich unkoordiniert wahrgenommen habe. Ich habe gesehen, wie er sich an der Wand bewegt, und mein Kopf hatte ziemlich schnell eine Erklärung dafür gefunden.
Dann erzählte jemand nebenbei, dass der Mann einen Unfall gehabt hatte und sein Gehirn seitdem Schwierigkeiten damit hat, Zusammenhänge herzustellen.
Plötzlich sah ich ihn völlig anders. Sein Verhalten hat sich überhaupt nicht verändert. Nur mein Wissen über seine Situation und damit meine Bewertung.
Das beschäftigt mich bis heute. Denn wie oft machen wir genau das?
Wir sehen jemanden, der unfreundlich ist, und denken: „Was für ein Mensch.” Jemand verhält sich völlig anders als wir und schnell heißt es: „Der ist einfach schwierig.” Oder wir bekommen eine Reaktion, die wir nicht verstehen, und suchen die Erklärung direkt im Charakter des anderen.
Dabei wissen wir so oft überhaupt nicht, was hinter diesem Verhalten steckt.
„Der ist halt so.” Dieser Satz nervt mich inzwischen ziemlich. Denn meistens wissen wir gar nicht, warum jemand „so” ist.
Bei meinen Eltern habe ich das irgendwann selbst besser verstanden. Manche Reaktionen haben auch mit ihrer eigenen Erziehung zu tun – mit Dingen, die sie selbst gelernt haben, mit dem, was ihnen vorgelebt wurde.
Das entschuldigt nicht automatisch jedes Verhalten. Aber es hilft mir, es anders zu betrachten.
Mir geht es nicht darum, sofort alles erklären zu müssen und nicht aus jeder Beobachtung eine Wahrheit über einen anderen Menschen zu machen.
Was hat das eigentlich mit mir zu tun?
Wenn ich merke, dass ich anfange, einen Menschen zu interpretieren oder mich richtig über ihn aufzuregen, versuche ich inzwischen, den Fokus wieder ein Stück auf mich zu richten. Was genau stört mich eigentlich, und was sagt das vielleicht über mich und meine Erwartungen aus?
Das klappt natürlich nicht immer. Gerade bei Menschen, die unfreundlich sind oder sich komplett anders verhalten als ich, fällt mir das manchmal unglaublich schwer. Aber ich finde den Gedanken hilfreich, dass ich nicht immer sofort eine Erklärung für den anderen finden muss.
Manchmal darf auch einfach stehen bleiben: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, warum dieser Mensch so reagiert. Ich kenne seine Geschichte nicht und ich weiß nicht, was dazu geführt hat, dass er heute so handelt.
Vielleicht verändert genau dieses „Ich weiß es nicht” manchmal schon ziemlich viel.
Genau hier beginnt für mich auch meine Arbeit: nicht den anderen verändern zu müssen, sondern wieder mehr bei sich selbst anzukommen. Wahrzunehmen, was mich triggert, welche Erwartungen ich an andere habe und wo ich vielleicht selbst über meine eigenen Grenzen gehe.
Wenn du gerade merkst, dass dich solche Situationen immer wieder beschäftigen und du gerne genauer hinschauen möchtest, buche dir gerne ein unverbindliches Kennenlerngespräch mit mir. Dann schauen wir gemeinsam, worum es bei dir gerade eigentlich geht.
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Was daraus bleibt
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich: Es geht gar nicht nur darum, anderen weniger schnell einen Stempel aufzudrücken. Es geht auch darum, bei mir selbst hinzuschauen. Denn manchmal schreibe ich einem anderen Menschen etwas zu, was viel mehr mit meinen eigenen Erwartungen, Erfahrungen oder Vorstellungen zu tun hat.
Ich sehe darin auch eine Verbindung zu einem Thema, das mich sowieso beschäftigt: Was gehört eigentlich wirklich zu mir und was habe ich irgendwann einfach übernommen?
Genau darum geht es auch in meiner Masterclass „Muss das wirklich dazugehören?” In 60 Minuten schauen wir gemeinsam hin, welche Muster, Erwartungen und übernommenen Verantwortungen sich über die Jahre angesammelt haben und was davon wirklich zu dir gehört.
Wenn dich diese Frage gerade beschäftigt, bist du herzlich eingeladen. Hier findest du alle Informationen und Termine: Masterclass „Muss das wirklich dazugehören?”
Gedanken, die bleiben
Was wäre, wenn wir uns öfter erlauben würden zu sagen: „Ich weiß es nicht”?
Vielleicht ist genau das manchmal der Moment, in dem wir aufhören, aus einer Beobachtung eine Wahrheit über einen anderen Menschen zu machen.
Das sind die Gedanken, die mir nach solchen Situationen bleiben. Über Sätze, die mir nach einem Gespräch noch tagelang nachhängen. Über Situationen, die ich erst später anders sehe. Über die Frage, was davon eigentlich mit dem anderen zu tun hat und was mit mir.
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