Auf Gipfeln und durch Täler - Ausgabe 12
Dieser Artikel ist Teil einer persönlichen Auseinandersetzung mit meinen eigenen Erfahrungen. Was dahintersteckt und warum ich heute öffentlich darüber schreibe, habe ich hier beschrieben.
In diesem Blog geht es um eine Beobachtung, die mich beschäftigt: Menschen sagen, dass sie Tiefe wollen, und trotzdem bleibt es bei meinen tiefgehenden Beiträgen oft still. Ich frage mich, was dahintersteckt, und ich urteile dabei nicht über andere. Ich schaue auf drei Situationen: auf die Aussage „Ich kann Grenzen setzen”, auf einen Kommentar, der mein Bild von mir berührt hat, und auf mein Schreiben über Affären. Dazu kommen drei Studien, die einzelne Aspekte dieser Erfahrung erklären können. Am Ende steht eine Frage, die mich nicht loslässt.
Ein Satz auf LinkedIn
Vor einiger Zeit habe ich auf LinkedIn einen Beitrag gelesen, in dem jemand sinngemäß schrieb: Menschen wollen mehr Tiefe.
Der Satz ist mir hängen geblieben. Ich widerspreche ihm nicht. Gespräche, in denen es darum geht, was jemanden bewegt, wünsche ich mir selbst.
Auf LinkedIn erlebe ich gleichzeitig etwas, das mich irritiert. Wenn ich einen einfachen Gedanken teile oder eine Frage stelle, die sich schnell beantworten lässt, kommen Reaktionen. Wenn ich persönlicher werde, genauer hinschaue oder eine unbequeme Frage stelle, wird es still. Auf meine Blogs, in denen ich mich mit persönlichen und manchmal unbequemen Themen beschäftige, reagieren deutlich weniger Menschen als auf Inhalte, die sich schnell konsumieren lassen.
Also frage ich mich: Wenn Menschen Tiefe wollen, warum reagieren sie dann so wenig darauf?
Die einfache Antwort wäre: Dann sind sie eben oberflächlich. Diese Antwort überzeugt mich nicht, sie wäre mir auch zu bequem. Mich beschäftigt eine andere Frage: Was passiert, wenn Tiefe bedeutet, dass wir uns selbst anschauen müssen?
Zum Wunsch nach Tiefe gibt es Forschung. Michael Kardas, Amit Kumar und Nicholas Epley haben in zwölf Experimenten mit über 1.800 Teilnehmenden Menschen über flache oder tiefe Themen sprechen lassen, etwa über das Wetter oder über einen Moment, in dem man vor jemand anderem geweint hat. Die Gespräche fühlten sich weniger unangenehm an als erwartet und schufen mehr Verbundenheit. Wer beides erlebt hatte, bevorzugte hinterher das tiefere Gespräch, obwohl er vorher das Gegenteil erwartet hatte. Die Teilnehmenden unterschätzten, wie sehr sich ihr Gegenüber für persönliche Offenbarungen interessiert.
Das war eine Laborsituation mit Menschen, die dem Gespräch vorher zugestimmt hatten. Auf LinkedIn-Kommentare lässt sich das nicht eins zu eins übertragen. Die Studie zeigt mir aber, dass der Wunsch nach Tiefe echt sein kann, auch wenn wir selten den ersten Schritt machen.
Ich kann Grenzen setzen. Oder?
Ich habe schon öfter erlebt, dass jemand sagt: „Ja, ich kann Grenzen setzen.” Das klingt klar. Wenn ich dann frage: „Wie ist es denn in deinem Freundeskreis? Kannst du dort auch Grenzen setzen?”, kommt manchmal sofort: „Nein, da kann ich das nicht.”
Der Unterschied beschäftigt mich. Das Bild, das wir von uns haben, und unser tatsächliches Verhalten sind nicht immer dasselbe. Wir können überzeugt sein, Grenzen setzen zu können, bis wir in eine Situation kommen, in der uns die Beziehung wichtig ist. Oder in der wir Angst haben, jemanden zu enttäuschen. Oder in der wir befürchten, dass sich etwas verändert, wenn wir wirklich Nein sagen.
Aus „Ich kann Grenzen setzen” wird dann eine genauere Frage: Wo kann ich es tatsächlich? Dazu gehört eine zweite: Wo erzähle ich mir etwas über mich, das in bestimmten Situationen nicht stimmt?
Eine Frage kann plötzlich unangenehm werden
Das erlebe ich auch in Gesprächen. Manchmal stelle ich eine Frage, die ich selbst gar nicht als Angriff meine, und mein Gegenüber reagiert mit Abwehr. Meine Vermutung: Manchmal berührt die Frage einen Punkt, den jemand selbst nicht anschauen möchte, und der erste Impuls ist, mich davon zu überzeugen, dass es nicht so ist.
Die Psychologie hat dafür einen Erklärungsrahmen. Die Self-Affirmation-Theorie geht auf Claude Steele zurück und wurde 2006 von David Sherman und Geoffrey Cohen ausführlich beschrieben. Sie geht davon aus, dass Menschen das Bild von sich als fähig und stimmig schützen wollen. Wird dieses Bild bedroht, kann Abwehr die Folge sein.
Eine absolute Wahrheit ist das nicht. Nicht jede Abwehr hat damit zu tun, und nicht jede kritische Frage bedroht ein Selbstbild. Was in einem anderen Menschen gerade passiert, kann ich von außen nicht wissen. Ich kann nur bei mir anfangen. Dieses Gefühl kenne ich selbst, sehr gut sogar.
Ich mache das nämlich genauso
Vor Kurzem hat jemand kommentiert, dass man kein Coach sein könne, wenn man nicht spirituell unterwegs sei.
Mein erster Gedanke war: „Aber ich beschäftige mich doch seit ungefähr zwei Jahren mit Spiritualität.” Danach kamen die Fragen. Reicht das? Bin ich spirituell genug? Muss ich jetzt mein ganzes Business über den Haufen werfen, weil jemand eine andere Vorstellung davon hat, was eine gute Begleiterin ausmacht?
Heute sehe ich: Ich wollte mein Bild von mir als kompetente Begleiterin schützen, als jemand, der Menschen ernst nimmt und ihnen auch unbequeme Fragen stellt. Dann kam eine Aussage von außen, die genau dieses Bild berührt hat. Ich habe angefangen, mich am Maßstab eines anderen Menschen zu messen. Was sich für mich stimmig anfühlt, ist dabei aus dem Blick geraten.
Genau das, was ich bei anderen beobachte, passiert auch bei mir. Ich stelle unbequeme Fragen, und wenn mich eine trifft, ist es auch bei mir nicht angenehm. Ich werde sie weiter stellen, und ich stelle sie jetzt auch mir selbst.
Ich darf auf dem Weg sein.
Ich muss nicht fertig sein und nicht jede Antwort kennen. Ich kann Menschen begleiten, obwohl ich selbst immer wieder an Punkte komme, an denen ich genauer hinschauen darf.
Mir geht es um Stimmigkeit. Ob ich sie über Spiritualität finde, über eine bestimmte Methode oder über etwas anderes, ist zweitrangig. Ich merke, wenn etwas für mich stimmt: Es wird ruhiger in mir, ausgeglichener, zufriedener.
Die Sache mit der Affäre
Ich schreibe gerade persönlich über das Thema Affären. Auch das gehört zu dieser Frage nach Tiefe. „Sei authentisch.” „Zeig dich.” „Erzähl deine Geschichte.” Das klingt gut, solange sich die Geschichte leicht einordnen lässt.
Bei diesem Thema sieht die Resonanz anders aus als bei meinen anderen Beiträgen. Es wird nicht still. Es kommen Reaktionen: Vorurteile, negative Bewertungen, persönliche Angriffe, bis hin zu Beleidigungen.
Aus diesen Reaktionen ziehe ich keinen Schluss über die Menschen, die so schreiben. Was in ihnen vorgeht, weiß ich nicht. Mich beschäftigt, was zwischen dem Wunsch nach Authentizität und dieser Reaktion liegt. Ich habe etwas sichtbar gemacht, das sich nicht in ein einfaches Bild einordnen lässt, und aus einer Geschichte wurde schnell ein Urteil über mich als Person.
Eine Affäre lässt sich gut in Schwarz und Weiß betrachten: richtig oder falsch, gut oder schlecht. Eine Geschichte, die dazu nicht passt, lässt sich schwerer auf Abstand halten. Mehrere Dinge können gleichzeitig wahr sein. Ob genau das bei manchen etwas berührt, kann ich nur vermuten.
Sichtbare Resonanz ist nicht dasselbe wie Wirkung
Wie viele Reaktionen ein Beitrag bekommt, sagt weniger über seine Wirkung, als ich manchmal annehme. Jonah Berger und Katherine Milkman haben alle Artikel der New York Times aus drei Monaten ausgewertet und gefragt, welche häufiger geteilt wurden. Inhalte, die stark aktivieren, etwa Ehrfurcht, Wut oder Angst, wurden eher geteilt. Inhalte, die Traurigkeit auslösten, weniger.
Dabei ging es um Nachrichtenartikel und ums Teilen, nicht um persönliche Texte oder Kommentare. Eine Erklärung für meine Erfahrung liefert die Studie nicht. Sie erinnert mich daran, dass sichtbare Reaktionen von vielen Dingen abhängen.
Vielleicht liest jemand meinen Text und antwortet nicht. Vielleicht braucht jemand Zeit. Vielleicht möchte jemand nicht öffentlich schreiben, was der Text in ihm ausgelöst hat. Vielleicht war das Thema gerade nicht dran. Ich weiß es nicht. Deshalb will ich sichtbare Resonanz nicht mit Wirkung verwechseln.
Trotzdem macht es mich manchmal traurig
Ich würde gern sagen, dass mir Likes und Kommentare egal sind. Das wäre nicht ehrlich. Ich bin selbstständig, Sichtbarkeit spielt für mich eine Rolle, und ich freue mich, wenn jemand meinen Beitrag liest und kommentiert.
Was mich manchmal wirklich traurig macht, ist etwas anderes: der Gedanke, dass Menschen sich möglicherweise selbst etwas entgehen lassen, wenn sie bei der Oberfläche bleiben. Es geht mir dabei nicht um meinen Beitrag. Es geht mir darum, dass jemand sich die Möglichkeit nimmt, genauer hinzuschauen.
Ich kenne den Unterschied von mir selbst. Wenn ich an der Oberfläche bleibe, kann ich vieles über mich erzählen: Ich setze Grenzen. Ich bin eine kompetente Begleiterin. Ich beschäftige mich mit Spiritualität. Ich weiß, was ich will. Manchmal stimmt das auch, bis eine Situation kommt, die mich etwas anderes spüren lässt. Dann fängt die eigentliche Frage an.
Hier beginnt Tiefe
Tiefe beginnt für mich dort, wo ich bereit bin, mein Bild von mir noch einmal anzuschauen, auch wenn es nicht zu dem passt, was ich bisher über mich gedacht habe. Angenehm ist das nicht immer, es kann aber viel bewirken. Erst wenn ich erkenne, was in mir passiert, kann ich entscheiden, ob ich etwas verändern möchte.
Die Frage dahinter lautet: Was ist hier eigentlich los mit mir?
Wer ist eigentlich ich?
Chantal Donia Houcke stellt in ihrem Buch Per Anhalter in die 5. Dimension – Spiritualität neu gedacht auf Seite 16 eine einfache und zugleich große Frage: Wer ist “Ich”?
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger einfach finde ich sie. Wer bin ich, wenn ich die Bilder beiseitelege? Die kompetente Begleiterin. Die Frau, die Grenzen setzen kann. Die Frau, die spirituell genug sein möchte. Die Selbstständige. Die Frau mit ihrer Geschichte. Die Frau, die gerne tief geht.
Auf diese Frage habe ich keine fertige Antwort, und ich muss sie auch nicht sofort haben. Es reicht, sie nicht wegzuschieben. Ehrlich bei mir zu bleiben, ohne sofort recht haben, erklären oder wissen zu müssen, ist für mich eine der tiefsten Formen des Hinschauens.
Eine Frage an dich
Was brauchst du gerade wirklich?
Wenn du magst, nimm dir drei Minuten für meinen persönlichen Klarheits-Check-in.
Wenn da eine Frage ist, der du nicht länger ausweichen möchtest, schauen wir in einem Kennenlerngespräch gemeinsam darauf, was bei dir gerade los ist und welche Frage schon länger auf deine Aufmerksamkeit wartet.
Quellen
- Kardas, M., Kumar, A. & Epley, N. (2022). Overly Shallow? Miscalibrated Expectations Create a Barrier to Deeper Conversation. Journal of Personality and Social Psychology. doi.org/10.1037/pspa0000281
- Sherman, D. K. & Cohen, G. L. (2006). The Psychology of Self-Defense: Self-Affirmation Theory. Advances in Experimental Social Psychology, 38, 183–242. PDF
- Berger, J. & Milkman, K. L. (2012). What Makes Online Content Viral? Journal of Marketing Research, 49(2), 192–205. doi.org/10.1509/jmr.10.0353