Auf Gipfeln und durch Täler - Ausgabe 13
Was mich eine biblische Geschichte über Entscheidungen und Affären nachdenken lässt.
Worum es in diesem Beitrag geht
Warum folgen wir Menschen, die uns Orientierung geben? Was passiert, wenn wir ihrer Einschätzung mehr vertrauen als unserer eigenen Wahrnehmung?
Beim Lesen der Geschichte von Josua und der Bundeslade ist mir ein Gedanke wichtig geworden: Ich darf jemandem vertrauen, ohne meiner eigenen Wahrnehmung weniger zu vertrauen.
Diese Frage begleitet mich auch bei der Psychologie der Affäre. Wenn Gefühle im Spiel sind und Entscheidungen schwerfallen, hilft es, sich an anderen Menschen zu orientieren. Wie behalte ich dabei meine eigene Stimme?
Warum ich mich mit Josua 3,1–17 beschäftige
Manchmal stolpere ich beim Lesen über eine biblische Geschichte, so wie die vom Volk Israel, das unter der Führung Josuas den Jordan überquert.
Theologin bin ich deshalb nicht geworden. 😉 Mich beschäftigt, was die Geschichte in mir auslöst und welche Fragen ich daraus für mein Leben mitnehme.
Beim Lesen von Josua 3,1–17 bin ich an der Rolle der Bundeslade und an der Frage nach Führung hängen geblieben. Das Volk soll einem Weg folgen, den es noch nicht kennt. Josua gibt Anweisungen, die Priester tragen die Bundeslade voraus.
Ich habe mich gefragt, warum Menschen einer Autorität folgen, was ihnen dabei Sicherheit gibt und ob sie ihre eigene Wahrnehmung im Blick behalten.
Diese Fragen haben mich zu einem Thema geführt, das mich auch in meinem Projekt VERSTRICKT. beschäftigt: der Psychologie der Affäre.
Ein persönlicher Hinweis: Dieser Artikel hat mit meinen eigenen Erfahrungen zu tun. Warum ich öffentlich darüber schreibe, habe ich hier beschrieben.
Ein Weg, den das Volk noch nicht kennt
In Josua 3,1–17 wird beschrieben, wie die Israeliten den Jordan überqueren. Die Bundeslade, getragen von den levitischen Priestern, soll dem Volk vorausgehen. Die Menschen sollen ihr folgen, denn sie kennen den Weg noch nicht.
Josua gibt Anweisungen. Er erklärt dem Volk, was geschehen soll, und fordert die Priester auf, mit der Bundeslade vorauszugehen. Der Jordan führt zu dieser Zeit Hochwasser. Als die Priester das Wasser betreten, kommt der Fluss nach der biblischen Erzählung zum Stillstand. Das Volk kann auf trockenem Boden hinübergehen.
Das ist die Geschichte, wie sie im Bibeltext steht.
Beim Lesen ist mir aufgefallen, dass das Volk einem Weg folgt, den es noch nicht kennt. Die Bundeslade gibt die Richtung vor. Josua übernimmt eine führende Rolle und vermittelt die Anweisungen.
Ob die Menschen Zweifel hatten, ob jemand Fragen stellte oder ob alle überzeugt waren, erfahren wir in diesem Abschnitt nicht. Ich möchte deshalb nichts in die Geschichte hineinlesen, was dort nicht steht.
Bei mir löst sie diese Fragen aus:
Wie viel Vertrauen braucht es, um jemandem zu folgen, wenn ich selbst noch nicht weiß, wohin der Weg führt? Woran mache ich fest, wem ich dieses Vertrauen schenke?
Ich darf jemandem vertrauen, ohne meiner eigenen Wahrnehmung weniger zu vertrauen
Autorität kann Orientierung geben. Menschen, die Erfahrung haben, einen Überblick besitzen oder überzeugend auftreten, können uns helfen, Situationen besser einzuordnen.
Ich habe mich aber auch gefragt, wie schnell ich meine eigene Einschätzung zurückstelle, wenn jemand anderes sehr sicher wirkt.
Ich spüre vielleicht ein Unbehagen, weil etwas für mich nicht zusammenpasst. Trotzdem höre ich auf die Einschätzung einer anderen Person. Sie wird es schon besser wissen. Oder ich will den Kontakt nicht gefährden, keine unangenehmen Fragen stellen und nicht aus der Gruppe fallen.
Beim Lesen habe ich mir diese Fragen gestellt. Diese Möglichkeit will ich im Blick behalten.
Mein Gedanke dazu:
Ich darf jemandem vertrauen, ohne meiner eigenen Wahrnehmung weniger zu vertrauen.
Ich muss weder alles allein entscheiden noch grundsätzlich misstrauisch sein. Ich darf mir Rat holen, mich von anderen Menschen inspirieren und mich führen lassen.
Mein eigenes Unbehagen will ich ernst nehmen. Wenn ich etwas nicht verstehe, will ich nachfragen. Wenn mir etwas unstimmig vorkommt, will ich es aussprechen dürfen.
Dafür brauche ich Selbstvertrauen und manchmal den Mut, eine Frage zu stellen, obwohl ich nicht weiß, wie mein Gegenüber darauf reagieren wird.
Was hat das mit einer Affäre zu tun?
In meinem Projekt VERSTRICKT. geht es um die Psychologie der Affäre. Ich frage mich, was Menschen in solche Situationen führt, welche Bedürfnisse und Gefühle eine Rolle spielen und warum Entscheidungen manchmal so schwerfallen.
Mit Josua und der Bundeslade verbindet mich hier die Frage, woran ich mich orientiere, wenn ich den Weg nicht kenne.
In einer Affäre können sich widersprüchliche Gefühle begegnen: die Anziehung zu einem anderen Menschen, das Gefühl, begehrt zu werden, sich wieder lebendig zu fühlen. Dazu kommen Zweifel, Ängste und die Frage nach den Konsequenzen.
Wie soll es weitergehen? Was bedeutet diese Verbindung? Was will ich eigentlich, und was bin ich bereit, dafür in Kauf zu nehmen?
Dann liegt es nahe, mit anderen Menschen zu sprechen: mit einer Freundin, einem Coach oder jemandem, der Ähnliches erlebt hat. Ich will verstehen, was gerade mit mir passiert, und wünsche mir eine Einschätzung oder jemanden, der mir hilft, die Gedanken zu ordnen.
Das kann ich gut nachvollziehen.
In meinem Artikel „Was habe ich in meinen Affären eigentlich gesucht?“ habe ich zurückgeschaut. Ich wollte verstehen, was ich gesucht habe und warum es mir so schwerfiel, aufzuhören.
Was wir bei anderen suchen – und was wir selbst entscheiden müssen
Heute frage ich mich, was wir über uns selbst erfahren, wenn wir die eigenen Bedürfnisse ansehen. Was suchen wir bei einem anderen Menschen? Was passiert, wenn wir dabei unsere eigene Wahrnehmung aus dem Blick verlieren?
Hellhörig werde ich, wenn ich meine Entscheidung zunehmend davon abhängig mache, was ein anderer Mensch für richtig hält.
Sagt mir jemand, ich müsse die Affäre beenden, kann das genauso viel Einfluss auf mich haben wie der Rat, unbedingt an dieser Verbindung festzuhalten. Eine dieser Stimmen klingt vielleicht besonders überzeugend. Oder ich wünsche mir so sehr eine klare Antwort, dass ich sie bereitwillig übernehme.
Beantwortet sie meine Frage wirklich?
Oder gibt sie mir die Sicherheit, die ich gerade suche?
Warum es keine einfache Antwort von außen gibt
Eine Affäre lässt sich von außen nicht mit einem einzigen Satz lösen. Die beteiligten Menschen, ihre Beziehungen, ihre Bedürfnisse und die möglichen Folgen sind jedes Mal andere.
Manche Entscheidungen tragen weiter als andere, und jede Handlung hat Folgen. Bevor ich jemandem sage, welchen Weg er gehen soll, muss ich seine Situation kennen.
Orientierung geben, ohne die Entscheidung abzunehmen
Es braucht Menschen, die vorausgehen und Orientierung bieten.
Sie stellen Fragen, machen Zusammenhänge sichtbar und zeigen Möglichkeiten auf, an die jemand selbst vielleicht noch nicht gedacht hat. Sie hören auch dann zu, wenn die Antwort noch nicht feststeht oder verschiedene Wünsche miteinander im Konflikt stehen.
Gemeinsam schauen wir hin: Was empfinde und brauche ich? Was macht mir Angst? Welche Konsequenzen hat meine Entscheidung möglicherweise? Was möchte ich selbst, unabhängig davon, was andere von mir erwarten?
Solche Fragen machen die eigene Situation klarer. Die Antwort muss mir dabei niemand abnehmen.
Ich kann mir verschiedene Sichtweisen anhören und trotzdem selbst entscheiden. Ich kann einer Person vertrauen und prüfen, ob das, was sie sagt, zu meiner Wahrnehmung und meiner Situation passt. Ich darf meine Meinung ändern und mir Zeit nehmen, wenn die Situation das zulässt.
In meiner Arbeit mit Menschen leitet mich derselbe Gedanke: Ich helfe ihnen, ihre eigenen Fragen ernst zu nehmen und verschiedene Möglichkeiten zu erkennen.
Welcher Weg der richtige ist, kann ich ihnen nicht pauschal sagen. Die Entscheidung bleibt bei ihnen – mit allem, was dazugehört.
Wem vertraue ich, wenn ich selbst noch keine Antwort habe?
Die Geschichte von Josua und der Bundeslade sagt nicht, wie viel Vertrauen richtig ist oder wann wir eine Autorität infrage stellen sollten.
Beim Lesen habe ich über mein eigenes Verhältnis zu Vertrauen und Führung nachgedacht.
Ich möchte anderen Menschen vertrauen können, ohne mich selbst aus dem Blick zu verlieren. Orientierung will ich annehmen, ohne meine eigene Wahrnehmung dafür aufzugeben.
Fragen will ich stellen dürfen, auch wenn jemand anderes sehr sicher zu wissen scheint, was richtig ist.
Eine eigene Entscheidung beginnt bei der Frage, was ich selbst wahrnehme und welche Verantwortung ich für meinen Weg übernehmen möchte.
Wo in deinem Leben vertraust du der Einschätzung eines anderen Menschen mehr als deiner eigenen Wahrnehmung?
Möchtest du deine eigene Situation genauer anschauen?
Beschäftigen dich selbst eine Affäre, deine Gefühle oder eine Entscheidung, für die du noch keine Antwort hast?
Wenn du darüber mit mir sprechen möchtest, lade ich dich zu einem persönlichen Austausch ein. Wir sehen uns gemeinsam an, was gerade bei dir los ist und welche Fragen für dich wichtig sind.
Hier kannst du einen persönlichen Gesprächstermin vereinbaren.
Mehr über meine Arbeit zu emotionaler Selbstführung findest du auf empowerunleashed.de.