Auf Gipfeln und durch Täler - Ausgabe 14

Über Anziehung, das Gefühl, wertvoll zu sein, und warum mögliche Konsequenzen manchmal in den Hintergrund treten.

Manchmal spüren wir, dass unser Handeln Folgen haben wird. Wir wissen, dass wir eine Grenze überschreiten. Trotzdem machen wir weiter. Weil sich etwas gerade so gut anfühlt. Weil wir uns gesehen, begehrt oder besonders fühlen. Weil wir hoffen, dass wir später schon irgendwie damit umgehen werden.

Ich kenne dieses Verhalten aus meinem eigenen Leben. In diesem Beitrag erzähle ich von einer Begegnung, bei der ich die möglichen Konsequenzen kannte. Trotzdem wollte ich in diesem Moment vor allem eines: dieses Gefühl nicht verlieren.

Ein persönlicher Hinweis: Dieser Beitrag hat mit meinen eigenen Erfahrungen zu tun. Warum ich öffentlich darüber schreibe, habe ich hier beschrieben.

Es war klar, dass es Folgen haben könnte

Schon bevor wir uns persönlich trafen, war da diese besondere Verbindung.

Michael (Der Name wurde zum Schutz der Privatsphäre geändert.) war ein Arbeitskollege. Wir telefonierten und tauschten Teams-Nachrichten aus. Als er seinen Besuch in unserem Werk ankündigte, freute ich mich wahnsinnig darauf. Abends sagte ich einen anderen Termin ab, um mich allein mit ihm zu treffen.

Schon auf der Fahrt zur Bar, in der wir etwas trinken wollten, knisterte es. Die Gespräche wurden intensiver, die Blicke auch, und wir saßen eng nebeneinander.

Mir war klar: Wenn ich jetzt keine Bremse ziehe, wird dieser Abend Folgen haben.

Ich zog die Bremse nicht.

Die Anziehung war stark. Michael konzentrierte sich ganz auf mich, ohne Handy, ohne Ablenkung. Seine Aufmerksamkeit war bei mir. Ich fühlte mich wertvoll, wichtig, besonders, begehrt. Ich fühlte mich schön.

Ich wollte dieses Gefühl weiter erleben. Diese Neugier, diese Spannung, dieses knisternde Umfeld.

An die möglichen Konsequenzen dachte ich in diesem Moment kaum. Meine Aufmerksamkeit lag bei Michael und bei der Frage, wie es mit uns weitergehen würde.

Auf dem Weg zum Auto holte mich die Realität ein

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Als ich sein Hotelzimmer verließ und zu meinem Auto ging, war sie plötzlich wieder da: die Realität.

Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Wie sollte ich mit diesem Fehltritt umgehen? Wie sollte ich das wieder mit mir allein ausmachen?

Ich versuchte, das Erlebte schnell innerlich abzuhaken und zu meinem Alltag zurückzukehren. Gleichzeitig wollte ich mir die Möglichkeit offenhalten, Michael wiederzusehen. Ich sagte mir, dass ich die Situation im Griff hatte. Er wohnte mehrere hundert Kilometer entfernt, wir würden uns nicht oft sehen.

Das war doch alles easy peasy.

Ich genoss die schönen Seiten und verdrängte die negativen Gefühle so gut es ging.

Rückblickend nannte ich diese Verbindung einmal die entspannteste Affäre meines Lebens. Wir konnten uns auf die schönen Seiten konzentrieren.

Ich musste dafür viel lügen.

Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, frage ich mich: Wie konnte ich die möglichen Folgen so weit in den Hintergrund rücken, obwohl mir klar war, dass es sie geben würde?

Warum das, was wir gerade fühlen, so viel Raum einnehmen kann

Dass ich die Folgen kannte, änderte an diesem Abend nichts. Das Gefühl, begehrt und besonders zu sein, war unmittelbar da. Die Konsequenzen lagen in der Zukunft, und mit denen wollte ich mich in diesem Moment nicht beschäftigen.

Die Psychologie untersucht ein verwandtes Phänomen unter dem Begriff Delay Discounting: Belohnungen, die sofort verfügbar sind, gewichten Menschen oft höher als spätere Vorteile. Eine einzelne Geschichte kann ein Forschungsergebnis nicht belegen. Mir hilft es, die Situation von damals genauer zu sehen.

Eine wissenschaftliche Übersicht dazu ist die Arbeit von Scholten und Kolleginnen und Kollegen (2019). Sie untersucht, wie Menschen unmittelbare und spätere Belohnungen gegeneinander abwägen und welche Faktoren diese Abwägung beeinflussen.

Zur Studie: Behavioral trainings and manipulations to reduce delay discounting: A systematic review

Das, was ich erlebte, war sehr präsent. Das, was daraus entstehen konnte, blieb abstrakt. Ich musste mich in diesem Moment nicht mit den Folgen auseinandersetzen und konnte mich auf das konzentrieren, was mir die Begegnung gab.

Wenn wir unangenehme Gefühle möglichst schnell hinter uns lassen wollen

Nach der Begegnung kam das schlechte Gewissen, und ich wollte es schnell abhaken.

Der Psychologe James J. Gross erforscht Emotionsregulation, also wie wir beeinflussen, welche Gefühle wir haben, wann wir sie haben und wie wir damit umgehen. Er unterscheidet unter anderem, ob wir eine Situation neu bewerten oder nur den Ausdruck eines Gefühls unterdrücken.

In einer Studie von Gross (1998) führte das Unterdrücken des Gefühlsausdrucks nicht einfach dazu, dass die emotionale Reaktion verschwand. Die Ergebnisse zeigen, dass unterschiedliche Strategien der Emotionsregulation unterschiedliche Auswirkungen haben können.

Zur Studie: Antecedent- and response-focused emotion regulation: Divergent consequences for experience, expression, and physiology

Bei mir sah das so aus: Ich wollte das schlechte Gewissen nicht ständig spüren und die schönen Gefühle nicht aufgeben. Eine große Entscheidung musste ich dafür nicht treffen. Ich konnte einfach weitermachen.

Wegschieben und Verarbeiten sind zwei verschiedene Dinge.

„Ich habe die Situation im Griff“

Heute fällt mir auf, wie überzeugend meine damalige Erklärung für mich war. Michael wohnte weit weg, wir sahen uns nicht ständig, also konnte ich die Affäre und mein übriges Leben getrennt halten. Mit dieser Erklärung konnte ich weitermachen.

Die Theorie der kognitiven Dissonanz geht auf Leon Festinger zurück. Sie beschreibt die Spannung, die entstehen kann, wenn Überzeugungen, Selbstbild und Verhalten nicht zusammenpassen. Wer diese Spannung spürt, kann sein Verhalten ändern, die eigene Sichtweise prüfen oder sich eine Erklärung suchen, die das Handeln verständlicher macht.

Die Psychologin April McGrath fasst in ihrem Übersichtsartikel von 2017 verschiedene Strategien zusammen, mit denen Menschen kognitive Dissonanz reduzieren können.

Zur Übersichtsarbeit: Dealing with dissonance: A review of cognitive dissonance reduction

Der Gedanke an die Entfernung war so eine Erklärung. Er ließ meine Bedenken kleiner wirken. Ob die kognitive Dissonanz damals genau so gewirkt hat, kann ich im Nachhinein nicht sagen.

Neben der Frage, warum ich etwas tue, obwohl ich die Folgen kenne, gibt es eine zweite: Wie erkläre ich mir anschließend, dass ich weitermachen kann?

Was ich damals nicht ansehen wollte

Ich möchte meine damalige Geschichte auf keinen einzigen Grund reduzieren. Die Anziehung war da. Die Aufmerksamkeit und Anerkennung auch. Ich fühlte mich wertvoll und begehrt.

Ich wollte dieses Gefühl weiter erleben.

Wenn ich mein Verhalten von damals nur als Fehltritt abhake, sehe ich nicht, was darin steckt. Deshalb schaue ich genauer hin.

Ich frage mich, was in uns passiert, wenn uns eine Begegnung etwas gibt, das sich besonders wertvoll anfühlt. Was passiert, wenn wir wissen, dass unser Handeln Folgen haben kann, und trotzdem bei dem bleiben, was sich gerade gut anfühlt?

Genaueres Hinsehen beginnt für mich bei der Frage, was ich in diesem Moment gesucht habe und was ich nicht ansehen wollte.

In meinem Beitrag „Es ging nie nur um den anderen Mann“ habe ich beschrieben, was ich in meinen Affären eigentlich gesucht habe.

Diese Fragen haben mich zu einem Thema geführt, das mich auch in meinem Projekt VERSTRICKT. beschäftigt: der Psychologie der Affäre.

Verstehen, ohne zu rechtfertigen: Mit dieser Haltung arbeite ich daran. Ich möchte wissen, was in einem Menschen vorgeht, bevor er eine Grenze überschreitet, welche Bedürfnisse und Ängste dabei mitspielen und warum Innehalten so schwerfällt.

Wenn du deine eigene Situation genauer anschauen möchtest

Kennst du das Gefühl, etwas weiterlaufen zu lassen, obwohl du ahnst, dass es Folgen haben könnte?

Wenn du verstehen möchtest, was dich in einer Situation hält, was du dir davon versprichst oder warum dir eine Entscheidung so schwerfällt, lade ich dich zu einem persönlichen Austausch ein.

Hier kannst du einen Termin mit mir vereinbaren.

Ich freue mich, von dir zu lesen.

Mehr über meine Arbeit zu emotionaler Selbstführung findest du auf empowerunleashed.de.

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